25 Projektideen für nachhaltige Mobilität in Joinville beim Mobility City Lab entwickelt

© Foto Marielisa Padilla / Fraunhofer IAO & Marcos Faust

Eine strategische Partnerschaft der Morgenstadt Initiative und der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH unterstützt die Stadt Joinville dabei, einen Fahrplan für eine nachhaltigere Mobilität zu entwickeln. Die südbrasilianische Stadt Joinville mit ihren ca. 560.000 Einwohnern ist ein bedeutendes Industriezentrum, welches vor der Herausforderung einer zunehmenden Urbanisierung steht. Verschiedene Initiativen wurden bereits auf den Weg gebracht, um dieser Herausforderung zu begegnen, so zum Beispiel die Eröffnung eines Living Labs durch das Programm join.valle, welches die Aufgabe hat, bedeutende Themenfelder, unter anderem die Digitalisierung, Co-Kreation, Smart City Konzepte oder das Internet der Dinge zu debattieren. Gemeinsam mit den erwähnten Anstrengungen möchte das Morgenstadt Mobility Lab dazu beitragen, dass die Stadt ein Vorzeigemodel für innovative Mobilitätskonzepte in Lateinamerika wird.

 

Das City Lab

 

In der ersten Phase der Analyse wurde die Morgenstadt Methode den lokalen Gegebenheiten Brasiliens angepasst und die betreffenden Indikatoren und Handlungsfelder neu definiert. Zusätzlich kamen strategische Pläne der Gemeinde und wissenschaftliche Onlinerecherche zum Einsatz. Diese Voranalyse stellte das Fundament, um ein Nachhaltigkeitsprofil für Mobilität der Stadt zu erarbeiten. Die City Lab Leiterin, Marielisa Padilla, betont, dass es von entscheidender Bedeutung für das Gelingen des City Labs war, dass Joinville bereits umfassende Forschungen bezüglich benötigter Infrastruktur betrieben hat und auch plant, Bus- und Fahrradinfrastruktur auszubauen. Diese und weitere Projekte sind Teil des im vergangenen Jahres veröffentlichten Mobilitätsplans (PlanMOB). Darüber hinaus verfügte die Stadt auch über Erkenntnisse bezüglich der Nutzerzufriedenheit mit dem öffentlichen Personennahverkehr. So würden zahlreiche Bürger das Fahrrad als Transportmittel in Erwägung ziehen, wenn es sichere Parkmöglichkeiten und die Möglichkeit zur einfachen Vernetzung verschiedener Verkehrsarten gäbe.

Die Vorortbegehung des Mobility City Labs erfolgte vom 23. Oktober bis zum 1. November 2017. Dabei wurden durch die Morgenstadt Wissenschaftler 20 Interviews geführt, vier Besichtigungen durchgeführt und zwei Workshops veranstaltet.

Unterschiedlichste Anspruchsgruppen, vom öffentlichen Sektor über Forschungseirichtungen bis hin zu Bürgerinitiativen, nahmen dabei am Prozess teil. Der Minister für Stadtentwicklung organisierte gemeinsam mit der GIZ mehrere Interviews mit Stadtverantwortlichen verschiedener Sektoren, aber auch mit Beförderungsunternehmen, Fahrradverbänden, der Regionalverwaltung, Energieversorgern, Naturschutzberatern und deutschen Unternehmen, wie Bosch, BMW und dem Start-up Station-i der ZWESO GmbH. Das Resultat des Prozesses beinhaltete 25 Projektideen, die alle relevanten Aspekte der Mobilitätswende in Joinville adressieren, so zum Beispiel Smart Governance, Sozioökonomische Entwicklungen, Intermodalität, E-Mobilität und technische Aspekte aber auch die Neustrukturierung des Tarifsystems.

 

© Foto Marcos Faust

Neben den Fraunhofer Morgenstadt Wissenschaftlern, nahmen zahlreiche weitere Interessierte aus der Stadtverwaltung und lokalen Unternehmen am Mobility City Lab in Joinville teil.

Innovative Lösungen für Joinvilles Mobilität

 

Die folgenden 10 Projekte wurden validiert und weiterentwickelt im Rahmen des Innovationsworkshops am 1. November:

 

1. Park & Ride Station

Die Idee ist es Parkmöglichkeiten für Automobile, wie auch für Fahrräder an Busstationen einzurichten (vorrangig im Süden der Stadt), so dass Bewohner ihre Fahrzeuge in den bereitgestellten Flächen sicher abstellen können und dabei Zugriff auf weitere Services haben, so zum Beispiel Wasch- oder Reparaturservices. Die Schaffung gutausgestatteter Park & Ride Stationen ergänzt durch Expressbuslinien soll dabei zur Förderung des ÖPNV beitragen.

 

2. Mobility Hub

Die Stadt hat die Notwendigkeit erkannt, Busstationen zu lebenswerteren Treffpunkten zu transformieren, die zusätzliche Dienstleistungen anbieten, so zum Beispiel Car Sharing, Bicycle Sharing sowie Reparaturdienste oder auch Schließfächer. Die Nutzung dieser zusätzlichen Leistungen soll durch ein Upgrade des bisherigen „Ideal“-Verkehrsausweises möglich sein.

 

3. Last mile delivery mit E-Trucks und E-Bikes

Die Zustellung von Sendungen mittels Elektrofahrzeugen und –fahrrädern soll sowohl den Lärm als auch die Luftverschmutzung im Stadtzentrum verringern. E-Mobile sind dabei besonders geeignet für die Paketzustellung, die im städtischen Bereich durch eine hohe Frequenz von Anfahrt- und Bremsvorgängen gekennzeichnet ist. E-Bikes sollen vorrangig zur Postzustellung Verwendung finden. Die Stadtverwaltung möchte dabei leerstehende öffentliche Flächen im Stadtzentrum den Logistikdienstleistern zur Miete anbieten, um hier die benötigten Ladestationen zu installieren.

 

4. Öffentliche Zugverbindung „Süd-Nord“

Derzeit werden Zugverbindungen zur Frachtzustellung lediglich sechsmal täglich genutzt. Die Infrastruktur kann jedoch ebenso für den öffentlichen Personenverkehr genutzt werden. Die sich derzeit in Planung befindende Verbindung von Guaramirim und Araquari im südlichen Teil der Stadt, soll zusätzlich in die im Itaum Distrikt geplante Park & Ride Station integriert werden, um die Fahrgäste mit einer Zuganbindung zu versorgen.

 

5. Eine Onlineplattform für Co-Kreation

Die Plattform hat die Aufgabe, von den Bürgern identifizierte Mobilitätprobleme zu behandeln und nach Möglichkeit zu lösen. Mittels eines Abstimmungssystems können Bürger dabei die drängendsten Probleme vorschlagen und abstimmen. Daraufhin erfolgt eine Ausschreibung für deren Lösung. Die besten Vorschläge erhalten dabei eine öffentliche Förderung.

 

6. Bike Sharing & sichere Parkflächen

Attraktive und sichere Parkmöglichkeiten für Fahrräder können an verschiedenen strategischen Punkten implementiert werden, so zum Beispiel an den vorgeschlagenen Park & Ride Stationen. Für E-Bikes sollen überdies Ladestationen integriert werden. Zusätzliche Dienstleistungen wie Reparaturservices können bei größeren Fahrradparkplätzen ebenfalls angeboten werden.

 

7. Offene Datenplattform

Eine Plattform, auf der jede städtische Akteure verschiedenste Arten an Informationen zum Mobilitätssektor hinterlegen können, beispielsweise Informationen von öffentlichen Nahverkehrsanbietern, installierten Sensoren, Telekommunikationsunternehmen oder auch Bürgern.

 

8. Einführung eines "Niedrig-Emmissionsgebiets"

Einführung eines „grünen Distrikts“ im Stadtzentrum innerhalb dessen Fahrzeuge mit besonders schlechten Schadstoffwerten nur beschränkt fahrberechtigt sind. Das Gebiet soll gesondert ausgeschildert sein und mittels Kameratechnik und Luftverschmutzungsmessungen überwacht werden.

 

9. Ein auf Zonen basiertes Tarifsystem

Das Verkehrssystem Joinvilles soll durch Zonen reorganisiert und durch ein einfacheres Tarifsystem benutzerfreundlicher werden. Die Ticketpreise sollen, insbesondere durch Kurzstreckentarife, reduziert werden, um den ÖPNV so attraktiver zu machen. Verschieden gestaffelte Monatstickets, die die Nutzungshäufigkeit des Tickethalters honorieren sollen ebenfalls eingeführt werden.

 

10. Grünes Stadtzertifikat

Die Stadt könne ein Nachhaltigkeitssiegel einführen, um Unternehmen darin zu bestärken, ihre Arbeitnehmer die Nutzung des ÖPNVs zu vereinfachen. So können Unternehmen beispielsweise Umkleideräume für Fahrradfahrer oder Zuschüsse für Fahrräder anbieten.

Der 25 Ideen umfassende Projektkatalog enthält weitere Projektideen, so zum Beispiel: Applikationen für Echtzeitverkehrsinformation, E-Buse, Anreizsysteme zur gemeinsamen Nutzung von privaten Fahrzeugen sowie die Einführung von Elektrofahrzeugen in den Flotten der Gemeinde und der Universität.

Weiteres Vorgehen

© Foto Marcos Faust

Das Morgenstadt Team traf sich mit dem Bürgermeister der Stadt, Udo Döhler, während des Mobility City Labs.

© Foto Marielisa Padilla / Fraunhofer IAO

In mehreren Workshops hatten die Teilnehmer des Mobility City Labs die Möglichkeit, innovative Ideen für das zukünftige Mobilitätssystem der Stadt zu entwickeln.

Die Wissenschaftlerin Marielisa Padilla betont die Bedeutung der Projektidee zur Einführung einer Mobilitätsentwicklungsgruppe.

Joinville verfügt bereits über den “Observatório de Mobilidade”, einen Mobilitätsbeirat. Jedoch ist es nötig, diesen durch zusätzliche Anspruchsgruppen  zu erweitern  und anschließend zu institutionalisieren, um den Einfluss und die Effizienz des Gremium sicherzustellen.

Die Entwicklungsgruppe soll Vertreter der Stadt- und Regionalverwaltung, den ÖPNV, Logistikdienstleister, Start-ups, Universitäten, Fahrradinitiativen, die Regionalregierung, Finanzbehörden und andere verbinden. Die Gruppe soll sich als Implementierungsagentur verstehen und die Einführung der gemeinsam, unter anderem im Mobility City Lab, entwickelten Ideen, zu forcieren.

Neben der Umwandlung der Ergebnisse des Labs in einen strategischen Fahrplan für die Stadt Joinville sollen als nächste Schritte Pilotprojekte gestartet werden. Hier sind unter anderem die Einführung der Mobility Hubs und der Last-mile Fahrzeuge in der Post- und Paketzustellung vorgesehen. Für diese Projektideen wurde bereits mit der Suche nach geeigneten Anspruchsgruppen begonnen. An den beiden eben genannten Projekten interessierte Unternehmen und Akteure können jederzeit mit dem City Lab Team in Verbindung treten. Das Ziel ist es, in der ersten Phase öffentlich-private Partnerschaften zu etablieren, um Stück für Stück die Mobilität in Joinville nachhaltiger zu gestalten, damit die Stadt so eine Leuchtturmfunktion für ganz Lateinamerika und darüber hinaus einnehmen kann.

 

Sie finden die Pressemitteilung der Stadt Joinville über das Mobility City Lab hier (Portugiesisch)

Einen Artikel in der Anoticia hier (Portugiesisch)

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